
Die Ferien-Praktikumswochen in Nordrhein-Westfalen gehen 2026 in die zweite Runde. Für Ostwestfalen-Lippe ist das Format besonders interessant: Jugendliche ab 15 Jahren können in den Sommerferien tageweise oder für eine ganze Praktikumswoche in Unternehmen hineinschnuppern, ohne klassische Bewerbung, ohne Lebenslauf und ohne großen organisatorischen Aufwand. Für viele Betriebe in OWL ist das eine Chance, frühzeitig mit potenziellen Auszubildenden in Kontakt zu kommen.
OWL ist auf der Plattform vollständig vertreten
Auf der NRW-Seite der Praktikumswoche sind mit Bielefeld sowie den Kreisen Gütersloh, Herford, Höxter, Lippe, Minden-Lübbecke und Paderborn sämtliche Teilräume von OWL als eigene Regionen auswählbar. Die diesjährige Ausgabe findet in den Sommerferien vom 20. Juli bis 1. September 2026 statt. Teilnehmen können Unternehmen und Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren; die Teilnahme ist für beide Seiten kostenlos.
Das Prinzip bleibt bewusst einfach: Jugendliche geben an, an welchen Tagen sie Zeit haben und welche Berufsfelder sie interessieren. Anschließend erfolgt die Vermittlung zu passenden Betrieben automatisiert über die Plattform. Das senkt die Hürden auf beiden Seiten. Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen in Ostwestfalen, die nicht permanent in aufwendige Nachwuchsgewinnung investieren können, ist das ein praktikabler Ansatz.
Berufsorientierung ohne großen Bewerbungsstress
Das Land Nordrhein-Westfalen hatte die Ferien-Praktikumswochen 2025 erstmals landesweit gestartet. Ziel war es, Berufsorientierung greifbarer zu machen und Jugendliche möglichst früh mit Betrieben zusammenzubringen. Die Aktion wird vom Wirtschaftsministerium im Rahmen der Fachkräfteoffensive NRW finanziert und in allen 53 Kreisen und kreisfreien Städten des Landes angeboten. Schirmherr ist Ministerpräsident Hendrik Wüst.
Für die Jugendlichen liegt der Vorteil auf der Hand: Sie lernen nicht nur Berufe aus Broschüren oder auf Ausbildungsmessen kennen, sondern unmittelbar im Betriebsalltag. Genau darin liegt die Stärke des Formats. Wer an mehreren Tagen unterschiedliche Unternehmen erlebt, bekommt schneller ein Gefühl dafür, welche Tätigkeiten wirklich passen – und welche nicht. Die Praktikumswoche ist damit weniger ein klassisches Praktikum als ein Instrument zur Orientierung mit niedriger Einstiegsschwelle.
Für OWL-Betriebe ist der Bedarf spürbar
Dass ein solches Format in OWL auf Resonanz stoßen dürfte, zeigt die Lage am Ausbildungsmarkt. Nach Angaben der IHK Ostwestfalen konnten 2025 rund 40 Prozent der ausbildenden Betriebe in der Region nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Bei 26 Prozent gingen sogar gar keine oder nur sehr wenige Bewerbungen ein. Zugleich betonte die IHK, dass junge Menschen in Ostwestfalen weiterhin sehr gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben.
Vor diesem Hintergrund sind die Ferien-Praktikumswochen mehr als nur ein Sommerangebot. Sie können ein Bindeglied zwischen erster Neugier und späterem Ausbildungsvertrag sein. Gerade in einer Wirtschaftsregion wie OWL mit starkem Mittelstand, industriellen Kernen und vielen Handwerksbetrieben ist der persönliche Eindruck oft entscheidend. Viele Berufe erschließen sich erst dann wirklich, wenn Jugendliche Werkstatt, Büro, Produktion oder Baustelle einmal selbst erlebt haben. Diese unmittelbare Erfahrung kann klassische Berufsberatung sinnvoll ergänzen.
Gute Anschlussfähigkeit an bestehende OWL-Strukturen
Hinzu kommt, dass die Praktikumswochen in OWL auf eine bereits gut ausgebaute Infrastruktur rund um Ausbildung und Berufsorientierung treffen. In der Region verweisen gemeinsame Initiativen von Arbeitsagentur, IHK und Handwerkskammer bereits auf freie Ausbildungsplätze und regionale Ansprechpartner. Auch die Handwerkskammer OWL betreibt eine eigene Lehrstellen- und Praktikumsbörse für ganz Ostwestfalen-Lippe. Die Praktikumswoche passt deshalb gut in eine Region, in der viele Institutionen schon länger daran arbeiten, den Übergang von Schule in Beruf sichtbarer und einfacher zu machen.
Die IHK Ostwestfalen bewertet das Format entsprechend positiv. Für die diesjährige Runde verweist sie darauf, dass die Ferien-Praktikumswochen Jugendlichen Einblicke in verschiedene Berufsfelder ohne Bewerbungshürden ermöglichen. Gleichzeitig betont sie den geringen organisatorischen Aufwand für die Unternehmen. Aus Sicht der Kammer ist das gerade unter Bedingungen des Fachkräftemangels ein Vorteil.
Früh Kontakte knüpfen, bevor Stellen unbesetzt bleiben
Für OWL könnte genau das der entscheidende Punkt sein. Der Wettbewerb um Nachwuchs beginnt längst nicht mehr erst mit der ausgeschriebenen Lehrstelle. Wer Jugendliche früh erreicht, ihnen den Betrieb zeigt und einen realistischen Einblick in den Arbeitsalltag ermöglicht, erhöht die Chancen auf spätere Bewerbungen. Die Ferien-Praktikumswochen setzen genau dort an: nicht mit Hochglanzwerbung, sondern mit konkreten Eindrücken aus dem Unternehmen.
Damit trifft das Format einen Nerv der Region. Ostwestfalen-Lippe braucht qualifizierten Nachwuchs in Industrie, Dienstleistungen und Handwerk. Gleichzeitig suchen viele Jugendliche noch nach Orientierung, bevor sie sich festlegen. Die Praktikumswochen bringen beide Seiten vergleichsweise unkompliziert zusammen – und könnten sich damit auch in OWL als fester Baustein der Berufsorientierung etablieren.
Autor:
Volksbank in Ostwestfalen – Bild © : goodluz – adobe stock