
Viele Handwerksunternehmer würden ihren Betrieb am liebsten an die nächste Generation innerhalb der Familie weitergeben. Doch diese Form der Nachfolge verliert an Bedeutung. Nach einer aktuellen Untersuchung von Creditreform kommt eine familieninterne Übergabe nur noch für 50,5 Prozent der Handwerksbetriebe infrage. Damit wird die Suche nach Alternativen immer wichtiger – auch für das Handwerk in Ostwestfalen-Lippe.
Familiennachfolge wird seltener
Noch im Jahr 2018 konnten sich 55 Prozent der befragten Handwerksbetriebe eine Übergabe innerhalb der Familie vorstellen. Inzwischen liegt dieser Anteil knapp fünf Prozentpunkte niedriger. Gründe können fehlende Kinder sein, häufig entscheiden sich mögliche Nachfolger aber auch bewusst für einen anderen beruflichen Weg.
Als Alternative rücken die eigenen Beschäftigten und Miteigentümer stärker in den Mittelpunkt. Eine Übergabe an diesen Personenkreis ziehen derzeit 40,6 Prozent der Betriebe in Betracht. Für 38,2 Prozent kommt ein Verkauf an einen externen Interessenten infrage. Gleichzeitig steigt der Anteil der Unternehmen, die eine Stilllegung erwägen. Mit 16,8 Prozent betrifft dies inzwischen etwa jeden sechsten Betrieb. Im Jahr 2018 lag der Anteil noch bei 12 Prozent.
Auch der Zeitpunkt des Generationswechsels rückt für viele Unternehmer näher. Knapp ein Viertel der Befragten plant den Rückzug innerhalb der kommenden drei Jahre. Weitere 57,6 Prozent wollen ihren Betrieb innerhalb eines Zeitraums von drei bis zehn Jahren übergeben.
Suche beginnt im eigenen Betrieb
Gibt es innerhalb der Familie keine geeignete Lösung, beginnt die Suche häufig bei den Beschäftigten. Langjährige Mitarbeiter kennen die Kunden, die Arbeitsabläufe und die wirtschaftliche Situation des Unternehmens. Zudem sind sie der Belegschaft bereits vertraut. Die Übernahme kann durch eine einzelne Person, durch mehrere Führungskräfte oder durch eine Gruppe von Beschäftigten erfolgen.
Allerdings muss ein geeigneter Mitarbeiter nicht nur fachlich und persönlich zur neuen Rolle passen. Er muss auch bereit sein, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen und die Finanzierung des Kaufpreises zu tragen. Scheitert eine interne Lösung daran, kommen externe Käufer infrage. Das können Existenzgründer, andere Handwerksunternehmen oder Wettbewerber aus der Region sein.
Für den bisherigen Inhaber bedeutet eine externe Suche, dass der Betrieb aus Sicht eines Käufers betrachtet werden muss. Besonders wichtig ist, dass Kundenkontakte, Wissen und Entscheidungsbefugnisse nicht ausschließlich beim Seniorchef liegen. Je stärker ein Unternehmen von einer einzelnen Person abhängt, desto schwieriger lässt es sich übertragen. Veraltete Maschinen, fehlende digitale Prozesse oder ein über Jahre entstandener Investitionsstau können die Suche zusätzlich erschweren.
Zeitdruck kostet Optionen
Eine Betriebsübergabe benötigt in der Regel mehrere Jahre. Unternehmensbewertung, Käufersuche, Finanzierung, Vertragsgestaltung und die eigentliche Übergangsphase lassen sich kaum kurzfristig erledigen. Die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe empfiehlt deshalb, die Nachfolge bereits mehrere Jahre vor dem geplanten Rückzug vorzubereiten.
Wer die Entscheidung immer wieder aufschiebt, gerät bei der Suche nach einem Nachfolger schnell unter Zeitdruck. Das schränkt den Kreis möglicher Käufer ein und schwächt die Verhandlungsposition. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass notwendige Investitionen nicht mehr vorgenommen werden, weil der Inhaber noch nicht weiß, ob er verkaufen oder den Betrieb schließen wird.
Wie eng Nachfolge und Investitionsbereitschaft zusammenhängen, zeigen Zahlen der KfW. Ist bei einer innerhalb von zwei Jahren anstehenden Übergabe die Nachfolge bereits gesichert, investieren die betreffenden Unternehmen im Durchschnitt rund 40 Prozent mehr als Betriebe mit ungeklärter Zukunft. Eine frühzeitige Regelung verbessert damit nicht nur die Chancen auf einen Verkauf, sondern kann bereits vorher die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens stabilisieren.
Wert und Kaufpreis sind nicht dasselbe
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Preisvorstellung. Eine fachgerechte Unternehmensbewertung schafft zwar eine wichtige Grundlage für die Verhandlungen. Der ermittelte Wert garantiert jedoch nicht, dass sich dieser Betrag am Markt tatsächlich erzielen lässt. Entscheidend bleiben die wirtschaftliche Entwicklung des Betriebs, seine Zukunftsaussichten, die Zahl der Interessenten und deren Finanzierungsmöglichkeiten.
Im gesamten deutschen Mittelstand nennen 30 Prozent der Unternehmen die Einigung auf einen Kaufpreis als Hürde bei der Nachfolge. Der durchschnittlich angestrebte Verkaufspreis für Übergaben zwischen 2025 und 2029 liegt laut KfW bei rund 499.000 Euro. Damit sind die Preisvorstellungen seit 2019 deutlich gestiegen. Gleichzeitig betrachten 69 Prozent der Unternehmen bereits die Suche nach einem geeigneten Kandidaten als Problem. Für 45 Prozent stellen rechtliche und steuerrechtliche Fragen eine zusätzliche Hürde dar.
Neben einem realistischen Kaufpreis muss deshalb frühzeitig geklärt werden, wie die Übernahme finanziert werden kann. Banken prüfen dabei nicht nur die Zahlen des Betriebs und die Qualifikation des Käufers. Auch ein nachvollziehbarer Übergabeplan kann zeigen, dass Kundenbeziehungen, Wissen und Verantwortung geordnet auf die neue Führung übergehen.
Übergabe endet nicht mit der Unterschrift
Mit dem Abschluss des Kaufvertrags ist der Generationswechsel noch nicht beendet. Besonders bei größeren Handwerksunternehmen kann es sinnvoll sein, dass der Nachfolger bereits vor dem eigentlichen Übergabetermin im Betrieb mitarbeitet. Auch der bisherige Inhaber kann anschließend noch für einen begrenzten Zeitraum beratend tätig bleiben.
Dabei müssen die Rollen klar geregelt sein. Die Beschäftigten müssen wissen, wer Entscheidungen trifft und wer künftig die Verantwortung trägt. Bleibt der frühere Inhaber dauerhaft im Hintergrund aktiv, kann dies die Autorität des Nachfolgers schwächen. Ebenso wichtig ist eine abgestimmte Kommunikation gegenüber Mitarbeitern und Kunden. Werden sie zu spät informiert, entstehen Gerüchte und Unsicherheit. Erfolgt die Information zu früh, kann dies laufende Verhandlungen gefährden.
Rund 250 Übergaben pro Jahr im OWL-Handwerk
In Ostwestfalen-Lippe stehen nach Angaben der Handwerkskammer jährlich rund 250 Handwerksunternehmen vor einer Übergabe. Dahinter stehen nicht nur die wirtschaftlichen Werte der Betriebe, sondern auch Arbeitsplätze, Ausbildungsstellen, Kundenbeziehungen und über viele Jahre aufgebautes Fachwissen.
Die Handwerkskammer unterstützt übergabewillige Inhaber und Übernahmeinteressierte mit vertraulicher Beratung und einem Betriebsvermittlungsservice. Angebote können auf Wunsch auch in die bundesweite Unternehmensbörse nexxt-change eingestellt werden.
Ob der künftige Inhaber aus der Familie, aus der Belegschaft oder von außerhalb kommt, ist für den Fortbestand des Betriebs letztlich weniger entscheidend als eine frühzeitige und realistische Vorbereitung. Je eher die Suche beginnt, desto größer ist die Chance, einen passenden Nachfolger zu finden und das Unternehmen wirtschaftlich geordnet in die nächste Generation zu führen.
Autor:
Volksbank in Ostwestfalen – Bild © : Gundolf Renze – adobe stock