Bundestags-Berater warnen vor einer Welt ohne Bargeld

Junge Dame zahlt mit Karte im Restaurant

Die Nutzung unbarer Zahlungsmittel nimmt weiter zu: Von 2017 bis 2020 ist die Nutzung um 14 auf 60 Prozent abgerutscht. Experten gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie ein Hauptgrund dafür ist. Sie hoffen, dass sich das Minus in den nächsten Jahren wieder auf die üblichen ein Prozent pro Jahr einpendeln wird.

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) hat in einer neuen Studie Veränderungen der klassischen Banken- und Bezahlsysteme sowie des damit einhergehenden Machtgefüges analysiert. Es warnt im Resümee vor einer „Welt ohne Bargeld“ und dem zunehmenden Einfluss von Big-Tech-Konzernen aus den USA und China auf das Finanzwesen. Damit werde sich künftig „stärker die Frage nach der Erhaltung der Handlungsfähigkeit des europäischen Bankenwesens stellen“.

Bargeld wichtiges Korrektiv

„Gegenüber unbaren Zahlungsmitteln bildet Bargeld ein wichtiges Korrektiv im Zahlungsverkehr“, betonen die Forscher vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die das TAB betreiben, zusammen mit ihren Kooperationspartnern. Keine Debit- oder Kreditkarte und schon gar nicht Bitcoin und andere virtuelle Münzen erreichten „ein ähnlich hohes Inklusionsniveau“. Auch der Schutz der Privatsphäre sei keineswegs vergleichbar.

Nicht alles ist gleich sicher

Vorteile unbarer Zahlungslösungen sehen die Autoren bei deren Einsetzbarkeit im E-Commerce sowie im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr und bei Schutzmechanismen. Das Sicherheits- und Datenschutzniveau der jeweiligen Ansätze sei aber sehr unterschiedlich. So könne das Bezahlen mit Debitkarten im Vergleich zu vielen anderen unbaren Zahlweisen als relativ sicher bewertet werden. Auch die Privatsphäre werde dabei nicht so stark ausgehöhlt. Kreditkarten schnitten in beiden Punkten schlechter ab.

Datenfluss beim Zahlen

Bei neueren Online-Varianten wie Paypal & Co. sowie mobilem Bezahlen sei der Datenschutz wiederum noch niedriger als bei Kartenzahlungen, arbeiten die Verfasser heraus: Hier würden auch Informationen erhoben und verarbeitet werden, „die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bezahlvorgang stehen“. Beim Mobile Payment kämen zusätzlich zu generellen Authentifizierungsmechanismen aber zumindest Tokens zum Einsatz, was Missbrauch etwas einschränke. Ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor sei gegeben, wenn biometrische Merkmale zur Entsperrung des Smartphones notwendig sind.

Onlineshops integrieren Zahlfunktion

Große Unternehmen mit etablierten Tech-Plattformen wie Alibaba, Amazon und Facebook sind laut der Untersuchung „inzwischen etablierte Akteure im Zahlungsverkehr“. Ihre Motive für den Markteintritt und die verfolgten Geschäftsmodelle seien vielfältig. Sie reichten von der Datengewinnung für Werbezwecke über das Ziel, Kunden möglichst lang im eigenen Ökosystem zu halten, bis zum Einstreichen von Entgelten durch das Angebot einschlägiger Produkte. Da Bezahlen dabei „mehr und mehr zu einer integrierten Funktion wird, laufen Banken Gefahr, zu Abwicklern im Hintergrund zu werden und damit ihre Sichtbarkeit beim Kunden zu verlieren“ formulierten die Gutachter des TAB.

Europa denkt gemeinsam

Als zentrale Ideen der Notenbanken in der EU, um Big Tech Paroli zu bieten, haben die Forscher etwa Initiativen für Produkte für unterschiedliche Zahlungssituationen unter einer europäischen Dachmarke ausgemacht, die auf Instant Payments beruhen. Angepeilt würden so Echtzeitüberweisungen, bei denen der Transfer von Geldbeträgen nur wenige Sekunden dauert. Auch ein europäisches Kartensystem sei geplant. Ob diese Vorhaben zeitnah verwirklicht werden könnten, bleibe aber abzuwarten.

Grundversorgung mit Bargeld

Die Forscher können sich auch vorstellen, dass die Erfahrungen aus der Pandemie „die Neugier auf die Vielfalt unbarer Zahlungslösungen und der mit ihnen kombinierbaren Produkte und Dienstleistungen wachsen lässt“. In Verbindung mit einer von deutschen Banken gestützten einheitlichen Zahlungslösung für sämtliche Kanäle, einem europäischen Kartensystem nach europäischen Datenschutzstandards und einem perspektivisch verfügbaren digitalen Euro als alternatives gesetzliches Zahlungsmittel könnte dies den weiteren Rückgang der Bargeldnutzung deutlich verschärfen.

Schweden dreht um

Möglicherweise müsste dann von den 2030ern an über die Notwendigkeit gesetzlicher Standards für eine Grundversorgung mit Bargeld wie in Schweden nachgedacht werden, lautet das Fazit. Dort spielten Münzen und Scheine kaum noch eine Rolle. Als Reaktion darauf habe die Regierung in Stockholm nicht nur ihr Projekt zur E-Krone vorangetrieben, sondern auch ein Gesetz erlassen, mit dem das Niveau der Bargeldversorgung des Jahres 2017 wiederhergestellt und gewährleistet werden soll. Bei solchen Gegenmaßnahmen tut sich dem TAB zufolge vor allem die Frage nach den Kosten für eine Bereitstellung der Bargeldinfrastruktur inklusive Geldautomaten und deren Übernahme auf.

 


Autor:
Volksbank Herford-Mindener Land – Bild © hedgehog94 – adobe stock

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